Zwischen Achterwasser und Peenestrom liegt der Lieper Winkel – eine der ursprünglichsten Regionen auf Usedom. Hier prägen seit Jahrhunderten Reetdachhäuser das Dorfbild. Die traditionellen Dächer sind nicht nur schön anzusehen, sondern auch ein Zeugnis alter Handwerkskunst.
Der Lieper Winkel – Naturidylle und Kulturerbe
Der Lieper Winkel ist eine Halbinsel im Westen von Usedom, umgeben von Wasser, Schilfgürteln und weiten Wiesen. Viele Dörfer wie Liepe, Quilitz oder Grüssow haben ihren ursprünglichen Charme bewahrt. Charakteristisch sind die alten Fischerhäuser und Bauernhöfe mit Reetdach, oft in Weiß oder Pastelltönen gestrichen, mit blühenden Gärten davor.
Reet – das Material aus der Natur
Reet, also Schilfrohr, wächst reichlich in den flachen Uferzonen von Achterwasser und Peenestrom. Das Material ist seit Jahrhunderten ein natürlicher und nachhaltiger Baustoff. Es ist leicht, wärmedämmend und bei richtiger Verarbeitung sehr langlebig. Auf Usedom wird es traditionell im Winter geerntet, wenn die Pflanzen abgestorben sind und der Wasserstand niedrig ist.
Die Kunst der Reetdachdeckerei
Die Reetdachdeckerei ist einer der ältesten Handwerksberufe der Region. Die Arbeit erfordert viel Erfahrung und Präzision. Die Deckung erfolgt Schicht für Schicht, wobei das Reet mit speziellen Werkzeugen fixiert und verdichtet wird. Die Neigung des Daches sorgt dafür, dass Regen schnell abläuft und das Material lange hält.
Arbeitsschritte beim Decken eines Reetdachs
- Auswahl des Reets: Gleichmäßige Länge, geschlossene Halme und hohe Dichte sind entscheidend.
- Unterkonstruktion: Holzlattung als stabile Basis.
- Deckung: Lagenweise Anbringung von unten nach oben.
- Formgebung: Saubere Dachkanten und Firstgestaltung mit Handarbeit.
- Fixierung: Befestigung mit Draht oder Schilfbändern.
Warum Reetdächer so besonders sind
Reetdächer bieten eine einzigartige Kombination aus Ästhetik, Nachhaltigkeit und Funktionalität. Sie passen harmonisch in die Landschaft und wirken temperaturausgleichend: Im Sommer bleibt es darunter angenehm kühl, im Winter warm. Zudem ist Reet ein lokaler, nachwachsender Rohstoff.
Reetdachhäuser im Lieper Winkel – Sehenswerte Orte
Wer im Lieper Winkel unterwegs ist, findet in fast jedem Dorf sehenswerte Reetdachbauten:
- Liepe: Historische Bauernhäuser mit blauen Fensterläden.
- Quilitz: Malerisches Reetdachdorf direkt am Achterwasser.
- Grüssow: Kleine Fischerkaten mit gepflegten Gärten.
Besonders reizvoll ist ein Spaziergang durch diese Orte in den Abendstunden, wenn die Sonne tief steht und die Dächer im goldenen Licht leuchten.
Reetdachdeckerei heute – Bewahrung einer Tradition
Auch heute gibt es noch einige Meisterbetriebe auf Usedom, die Reetdächer in traditioneller Handarbeit decken. Sie arbeiten oft mit Reet aus der Region und sorgen so für kurze Transportwege und die Bewahrung der Handwerkskultur.
Viele Besitzer alter Häuser setzen bewusst auf die Erhaltung ihrer Reetdächer, da diese zum historischen Charakter der Orte beitragen und ein wichtiges Kulturgut darstellen.
Fototipps für Besucher
Wer die Reetdachhäuser fotografieren möchte, sollte frühe Morgenstunden oder Abendlicht nutzen. Das warme Licht bringt die Struktur des Reets besonders gut zur Geltung. Auch Detailaufnahmen der kunstvoll gestalteten Firste oder Fensterläden lohnen sich.
Fazit: Lebendige Tradition im Inselwesten
Die Reetdachhäuser im Lieper Winkel sind ein Stück gelebte Geschichte. Sie verbinden handwerkliche Meisterschaft mit natürlicher Bauweise und prägen das Bild dieser einzigartigen Landschaft. Wer Usedom abseits der bekannten Seebäder erleben will, sollte sich Zeit für einen Spaziergang durch diese idyllischen Orte nehmen.
Hier zeigt sich: Tradition und Nachhaltigkeit können Hand in Hand gehen – und das seit Jahrhunderten.