Knarrendes Holz, duftende Späne, das rhythmische Klopfen von Hämmern – der traditionelle Holzbootsbau gehört zu den ältesten Handwerken auf Usedom. Und obwohl die moderne Kunststoffindustrie heute dominiert, lebt dieses alte Gewerbe bis heute fort – in kleinen Werften, liebevoll gepflegten Traditionsbetrieben und durch engagierte Bootsbauer, die sich dem Erhalt der maritimen Handwerkskunst verschrieben haben.
Ein jahrhundertealtes Handwerk an der Ostseeküste
Bereits im 18. Jahrhundert war Usedom bekannt für seine kleinen Werften entlang der Peene, des Achterwassers und der Haffküste. Fischerkähne, Jollen und Lastboote wurden hier aus massivem Eichen- oder Kiefernholz gefertigt – von Hand, ohne Maschinen, mit jahrzehntelang überliefertem Wissen.
Besonders im Norden der Insel – in Orten wie Rankwitz, Freest oder Neppermin – entwickelte sich eine regelrechte Bootsbautradition, die eng mit dem Fischfang und der Lebensweise der Küstenbevölkerung verbunden war. Jeder Ort hatte seine typischen Bootstypen – angepasst an Wind, Wasserstand und Fangtechnik.
Wie entsteht ein traditionelles Holzboot?
Der Bau eines Holzbootes ist eine Kunst und Wissenschaft zugleich. Die Arbeit beginnt mit der Auswahl des Holzes – am häufigsten Eiche für den Kiel und die Spanten, Lärche oder Kiefer für die Beplankung. Jedes Brett wird sorgfältig zugeschnitten, gebogen, geschäftet und angepasst.
Die wichtigsten Arbeitsschritte:
- Planung & Schablonierung – oft nach historischen Plänen oder mündlicher Überlieferung
- Kiellegung – das Rückgrat des Bootes wird aus einem massiven Balken gefertigt
- Spantenbau – gebogene Holzrippen, die dem Boot seine Form geben
- Beplankung – jedes Brett wird passgenau befestigt und verdichtet
- Kalafatieren – Abdichten der Fugen mit Baumwolle, Werg und Pech
Je nach Größe des Bootes dauert der Bau mehrere Monate – oft in echter Handarbeit ohne computergestützte Technik.
Usedomer Bootsbautradition heute – lebendig und sichtbar
Auch wenn große Werften rar geworden sind, gibt es auf Usedom noch immer kleine Manufakturen und engagierte Handwerker, die den traditionellen Bootsbau pflegen. Besonders erwähnenswert:
Bootswerft Freest (am Peenestrom, nahe Usedom)
Die Freester Werft gilt als eine der ältesten traditionellen Werften der Region. Hier werden heute noch kleine Zeesboote und Jollen nach alten Vorbildern gebaut – oft für Liebhaber, Museen oder Segelvereine. Besucher sind willkommen und dürfen oft bei der Arbeit zusehen.
Holzbootmanufaktur Rankwitz
In Rankwitz am Achterwasser entstehen maßgeschneiderte Holzboote für Segler und Traditionsfreunde. Die Bootsbauer hier verbinden alte Techniken mit moderner Ausstattung – z. B. mit Elektroantrieb statt Dieselmotor.
Bootsbauschule im Rahmen von Projekttagen
Einige Schulen und Vereine bieten Workshops für Kinder und Jugendliche an, bei denen einfache Boote oder Modelljollen selbst gebaut werden können – ein echtes Erlebnis in Sachen Handwerk und Teamarbeit.
Warum Holzboote auch heute noch begeistern
In einer Zeit der Kunststoffrümpfe und Serienfertigung stehen Holzboote für etwas Besonderes:
- Einzigartigkeit – kein Boot gleicht dem anderen
- Handwerkskunst – jedes Detail erzählt von Erfahrung und Präzision
- Nachhaltigkeit – Holz ist ein nachwachsender Rohstoff
- Wartungsfreundlichkeit – Reparaturen lassen sich oft selbst durchführen
Besonders bei Seglern, Historikern und Umweltfreunden genießen Holzboote heute wieder wachsendes Ansehen. Viele Traditionssegler auf Usedom oder beim Haffsegeln setzen bewusst auf historische Boote mit Holzrumpf.
Usedom erleben: Bootsbau hautnah
Wer Usedom besucht und echtes Handwerk sehen möchte, dem empfehlen sich folgende Erlebnisse:
1. Besuch einer Werft oder eines Tag der offenen Tür
Einige Betriebe öffnen zu bestimmten Terminen ihre Werkstätten und führen vor, wie Boote gebaut oder restauriert werden. Fragen stellen ist ausdrücklich erwünscht.
2. Mitsegeln auf einem traditionellen Holzboot
Einige Charteranbieter bieten Fahrten auf Zeesbooten oder Jollen an – oft von Neppermin, Krummin oder Rankwitz aus. Das leise Gleiten über das Achterwasser in einem handgebauten Boot ist ein Erlebnis der besonderen Art.
3. Bootsbau-Workshops
Im Rahmen von Tourismusprojekten oder Museumsprogrammen können Gäste kleine Holzboote selbst bauen – vom einfachen Modell bis zur Mini-Jolle.
Fazit: Ein vergessenes Handwerk neu entdecken
Der Holzbootsbau auf Usedom ist mehr als ein Nischenhandwerk – er ist gelebte Geschichte, ökologisches Vorbild und kulturelles Erbe zugleich. Wer echtes Handwerk, Naturverbundenheit und maritimes Flair erleben will, sollte sich die letzten Werkstätten der Insel nicht entgehen lassen.
Ob als Besucher, Mitsegler oder Workshop-Teilnehmer – hier spürt man, wie aus Holz, Herzblut und Handarbeit etwas entsteht, das Generationen überdauert. Und vielleicht liegt genau darin der Reiz des Holzbootsbaus: In einer schnelllebigen Zeit steht er für Geduld, Präzision und dauerhafte Schönheit.